2017-06-06

NOTIZEN SÜDFRANKREICH

Ein Wohnmobil, so groß, dass es kaum durch unsere Straße passt. Es quetscht sich mit uns an Bord durch den Berufsverkehr von Hannover. Raus, raus, raus, nur raus aus dem Alltag, diesem schnöden Alltag, der so schnöde gerade gar nicht ist mit Baby und Elternzeit und Mann immer zuhause und ich immer zuhause und immer einer, der das Baby schuckelt. Wir werden ausgespuckt aus diesen engen Straßen rauf auf die Autobahn. Mehr Platz.
Der Mann am Steuer. Wie ein LKW-Fahrer fühlt er sich, sagt er, ein cooler LKW-Fahrer mit Sonnenbrille und ohne Namensschild, was ich ein bisschen schade finde, denn wie gut wäre es, wenn dort vorne im Fenster „Der Mann“ stünde und alle wüssten: „Ah, da kommt er, der Mann!“ Ich sitze hinten, damit ich besser ans Baby rankomme, wenn es das will. Es will aber gar nichts, es schläft die meiste Zeit oder unterhält sich mit Charly, seinem neuen Teddy, der neben ihm im Sitz hockt und ihn die ganze Zeit anlächelt – mehr noch als wir das jemals könnten.
Erste Station Freiburg und wir beschließen am nächsten Tag nicht bis zum Ziel durchzufahren. In Freiburg wohnt der Uropa vom Baby, also der Opa vom Mann und die Oma natürlich auch und da sitzen wir jetzt und essen Spargel mit Schinken. Da der Opa weiß, dass wir sonst keinen Schinken essen, betont er ganz oft, dass die Schweine sehr glücklich waren, die hier für uns gestorben sind. Sie lebten lange auf einem Hof in der Nähe und sprangen glücklich herum und das schmeckt man ja auch. Ja, das schmeckt man und momentan ist zumindest mir das mit dem Fleisch eh egal, weil der Eisenwert ja so wichtig ist. So wichtig. In Freiburg isst man außerdem so etwas wie Pfannkuchen zum Spargel, es heißt nur anders, es heißt Kratzede, schmeckt aber wie Pfannkuchen und passt erstaunlich gut zum Spargel. Während ich kaue, frage ich mich, ob das Babypipi dann auch so riecht, wie man eben riecht, wenn man diese Stangen gegessen hat und ich denke, dass ich das nachher unbedingt nachprüfen muss. Die Antwort ist nein.

Je näher wir Südfrankreich kommen, umso beiger werden die Häuser und umso mehr Pinien und Pappeln und all dieses Pflanzengesocks, das sich im Süden so tummelt, stehen am Wegesrand. Am Fenster ziehen Atomkraftwerke vorbei, die so aussehen als seien sie gebaut worden, als der Heiland noch übers Land zog. Graue Ungetümer, kurz vorm Zerfall, die ein gruseliges Gefühl hinterlassen und mich sofort wieder an „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang denken lassen. Wenn hier was passiert und hier passiert ja auch mal was, aber wenn hier wirklich was passiert, dann macht diese Wolke nicht vor Landesgrenzen halt. Aber Klimapolitik wäre – gerade in diesen Tagen – sowieso ein gutes Thema für einen Text, einen anderen Text vielleicht und so zähle ich die Kühltürme, die aus den Feldern wachsen.
Wir überholen einen Tiertransporter, in dem tieftraurige Schafe eng aneinander gepfercht sich fragen, wie lange diese Fahrt und ihr Leben wohl noch dauert und mir tut das mit dem Schinken von gestern schon wieder leid.

Nach einer weiteren Zwischenstation kommen wir in Südfrankreich an, in La Tamarissière, einem Dorf, in dem ein zweihundert Jahre alter Pinienwald steht und genau in diesem Wald unter diesen Pinien, da wohnen wir jetzt für knapp zwei Wochen mit unserem superduper Mobil. Es ist warm, aber nicht so warm, dass man dolle schwitzen muss, nicht so schwül wie in Deutschland, es ist einfach nur sonnig und schön und wie immer alles besser als zuhause.

In fünf Minuten sind wir beim Strand. Ein ganz feiner Strand mit vielen Muscheln und kaum Menschen, weil ja Zwischensaison ist und außer Senioren auf E-Bikes und Menschen mit sehr kleinen Kindern niemand Zeit hat, zu verreisen. Am Strand haben wir zwanzig Meter zu jeder Seite Platz für uns. Das ist auch gut, weil unser Sonnenschirm, den wir für das Baby gekauft haben, ständig vom Wind aus seiner Verankerung gehoben und weggetragen wird. Wir sind die dummen Deutschen, die ihrem Schirm hinterherrennen bis wir auch verstehen, dass wir ihn einfach sehr tief einstellen müssen, damit der Wind nicht so eine Hebelkraft hat. Dem Kind ist das alles egal, es hockt in seiner Schale unter dem Schirm und hat ein ganz weißes Gesicht, damit wir sehen, welche Stellen der Haut wir eingecremt haben. Jede Stelle, die nicht bedeckt ist. Das Kind findet Sonne und Strand nach zehn Minuten eher öde und entscheidet sich dafür, ein bisschen zu schreien, damit wir auch was zu tun haben. Die Tage danach gehen wir nur noch abwechselnd an den Strand. Einer darf immer entspannen und sonnen und baden und der andere bespielt das Kind. Das ist auch schön.
Neben unserem Wohnmobil wohnen französische Dauercamper. Zwei Frauen und ein Mädchen und ein Hund. Der Hund darf nicht mit an den Strand. Alle anderen teilen sich nicht so auf wie wir, sondern gehen immer gesammelt an den Strand, den halben Tag. Der Hund ist währenddessen im Wohnwagen eingesperrt und randaliert. Er bellt verzweifelt hohe Töne und rennt gegen das Fenster vom Wohnwagen, weil sich das leicht nach außen klappen lässt. Er passt nicht durch. Dafür aber ein Anti-Mückenspray und ein Regenschirm, die er – vermutlich aus Protest – aus dem Fenster wirft und die dort immer noch liegen als die Gruppe schon längst wieder abgereist ist. Ich muss an die Schafe denken und überlege, wie ich die Nachbarn auf die missliche Lage des Hundes aufmerksam machen könnte. Nicht nur im Interesse des Hundes, sondern auch in unserem, denn so ein Hund, der den ganzen Nachmittag fiepst, kann einem dann schon mal auf die Nerven gehen. „Le chien fait... le chien parapluie...“ – weiter komme ich nicht und dann bin ich verzweifelt, weil aus zwei Jahren Französisch wirklich nicht mehr übriggeblieben ist. Stattdessen fordere ich das Kind am Abend auf, jetzt mal so richtig ordentlich zu schreien, damit ich es aus der Tür halten kann und vielleicht wirft der Mann dann aus dem Hintergrund noch ein paar Sachen aus dem Mobil, aber das Kind strahlt mich nur an, weil es entdeckt hat, dass man nicht nur die ganze Faust, sondern auch einzelne Finger in den Mund nehmen kann. Der Hund bleibt also ungerettet von mir und mir bleibt ein schlechtes Gewissen.

Weil der Mann und ich sonst jeden Tag sehr, sehr viele Kilometer laufen, wenn wir im Urlaub sind,
beschließen wir einen Spaziergang zu machen, in die Innenstadt. „Das sind hin und zurück acht Kilometer“, sagt der Mann und das ist im Vergleich zu sonstigen Urlauben eine Kleinigkeit. Wir laufen los und spazieren am Fluss entlang. Überall sitzen alte Männer, die auf ihre Angeln starren, uns überholen die Fischerbote, die am Nachmittag wieder zurückkommen, immer begleitet von einer riesigen Schaar Möwen, die auf einen kleinen Happen hoffen, den sie nicht selbst fangen müssen. Am Ziel unseres Spaziergangs schauen wir uns die Altstadt an, so lange bis wir keine Lust mehr haben, mit dem Kinderwagen durch die Altstadt zu laufen, also ungefähr zehn Minuten und dann essen wir einen Döner. Was für ein Ausflug.
Danach laufen wir zurück und natürlich bekommt das Kind mitten auf der Strecke Hunger und will auch nicht mehr nur herumliegen, wer will das schon und es kann ja noch nicht reden, deshalb wählt es einen anderen Weg und kackt sich einfach bis zum Hals voll. Hier, hallo, was habt ihr euch gedacht, acht Kilometer, sowas, noch ganz dicht, also ich nicht, hier habt ihr den Salat, bitteschön, seht zu. Ich packe das Kind aus und schmeiße die Kleidung einfach weg. Ich meine, ich mag braun, aber so braun und das wird auch wirklich nie wieder sauber, also weg damit. Das Kind liegt am Fluss und ich hocke davor, niemand hat jetzt noch gute Laune, aber alle sind nach wenigen Minuten zumindest wieder wohlriechend. Als der Mann mich am Ende des Urlaubs fragt, was ich am schönsten fand, sage ich, unseren Spaziergang, und meine das auch so und er fand ihn auch am schönsten und naja, das Kind kann ja, wie gesagt, noch nicht sprechen.

Ein weiteres aufregendes Abenteuer in diesem Urlaub besteht daraus, zu Passeur Paul zu gehen und auf die andere Uferseite überzusetzen. Das kostet zwei Euro und dauert dreißig Sekunden. Passeur Paul fährt den ganzen Tag zwischen den beiden Uferseiten hin und her. Auf der anderen Uferseite kann man dann auch nicht viel mehr tun als spazieren zu gehen. Aber man hat mal einen anderen Blick auf das Meer, eben von der anderen Seite, aufregend.

Und irgendwie sind zehn Tage dann doch wieder schnell rum. Man hat sich gewöhnt, ich habe mich gewöhnt, ich könnte noch weitere zehn, zwanzig, hundert Tage so leben. In einem kleinen Raum, wo draußen immer die Sonne scheint und sich alles auf diese kleine Familie konzentriert und niemand anruft und niemand Mails schreibt und ich Zeit habe, alle zwei Tage einen neuen Roman zu beginnen. Von nebenan immer der Fischgeruch des Franzosen, der mit seiner Frau am Nachmittag immer angeln geht und abends die Zubereitung zelebriert und gegenüber immer dieser Mann, der vielleicht mal Politiker werden wollte, aber jetzt nur noch Vorträge über Doraden hält, dafür aber in sehr großer Lautstärke.

Zuhause lege ich zwei Muscheln auf das Badezimmerregal und das ist dann das, was übrigbleibt, neben einem kleinen Bikinistreifen und viel Sand überall. In der Tasche und in dem Korb und im Kinderwagen. Aber den Sand, den sauge ich weg, den lege ich nicht auf’s Regal, Bodenbelag als Erinnerung wäre dann doch zu viel des Guten. Dann bin ich doch irgendwie froh, wieder daheim zu sein. Das Einzige, was mir fehlen wird, sind die Betten, die wir im Wohnmobil immer so science-fiction-mäßig von der Decke herunterfahren mussten, jeden Abend. Eine Kuhle für jeden und ein Baby dazu. Vielleicht kann der Mann wenigstens das Geräusch nachmachen, wenn wir heute ins Bett gehen. Nur für das Gefühl.

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